Ein Haus für die Kunst
Wer das Musée Visionnaire am Predigerplatz betritt, betritt nicht einfach ein Museum. Das Haus selbst trägt eine Geschichte in sich – und vielleicht passt genau das zu einem Ort, an dem es immer wieder darum geht, gewohnte Vorstellungen von Kunst infrage zu stellen. Die Räumlichkeiten mit ihrem lauschigen Innenhof wurden Ende der 1960er-Jahre von Trix und Robert Haussmann für die damalige Galerie Maeght umgebaut. Der Umbau entstand 1969–70 und ist bis heute in wesentlichen Teilen erhalten. Die beiden durch einen Innenhof getrennten Gebäudeteile wurden unterirdisch miteinander verbunden; die Galerie nahm dabei das Volumen von drei Geschossen ein. Der Innenhof selbst wurde als Ausstellungsfläche für grosse Skulpturen genutzt. Damit wurde dieser Ort schon damals zu einem Raum für Kunst, der nicht einfach nur eine neutrale Hülle für Ausstellungen sein wollte. Trix und Robert Haussmann gehören zu den prägenden Schweizer Architekt und Designer des 20. Jahrhunderts. Sie arbeiteten seit den 1960er-Jahren gemeinsam und gründeten 1967 ihre eigene Arbeitsgemeinschaft, aus der später die Allgemeine Entwurfsanstalt hervorging. 2013 wurden sie mit dem Grand Prix Design der Schweiz ausgezeichnet. Ihre Arbeit ist geprägt von einer besonderen Haltung: Sie misstrauten der Vorstellung, dass Architektur vor allem funktional, klar und möglichst widerspruchsfrei sein müsse. Beide waren in der Moderne ausgebildet – Trix Haussmann an der ETH Zürich, Robert Haussmann an der Kunstgewerbeschule Zürich –, begannen aber bereits in den 1960er-Jahren, deren Dogmen kritisch zu hinterfragen. Stattdessen interessierten sie sich für Ironie, Widerspruch, Illusion, historische Formen und das Spiel mit Erwartungen. Ihre Architektur und ihre Möbel bewegen sich zwischen Ernst und Humor, Funktion und Irritation. Sie bezeichneten ihre Haltung später als «Manierismo critico» – einen kritischen Manierismus. Zu ihren bekannten Arbeiten gehören unter anderem die Kronenhalle-Bar in Zürich, die Gestaltung des Zürcher Hauptbahnhofs und zahlreiche Möbel- und Innenraumgestaltungen. Auch im Musée Visionnaire spürt man etwas von dieser Haltung. Der Umbau für die Galerie Maeght war keine einfache Anpassung eines bestehenden Hauses. Die Haussmanns schufen einen zusammenhängenden Ausstellungsraum, der die vorhandene Struktur aufnimmt und gleichzeitig neu interpretiert. Besonders schön ist der Innenhof. Er trennt die beiden Gebäudeteile – und verbindet sie gleichzeitig. Damals wurde er als Ausstellungsort für grosse Skulpturen genutzt. Heute ist er ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Veranstaltungen stattfinden, Gespräche entstehen und Kunst auch einmal draussen stattfinden kann. Vielleicht ist genau das eine der Qualitäten dieses Hauses: Es lässt sich nicht vollständig in eine Funktion übersetzen. Es ist Museum, Ausstellungsraum, Innenhof, Treffpunkt und Arbeitsort. Die Architektur gibt etwas vor, bleibt aber offen für das, was in ihr passiert. Und vielleicht passt das erstaunlich gut zur visionären Kunst, die heute im Musée Visionnaire gezeigt wird. Denn auch hier geht es um Kunst, die sich nicht unbedingt an Konventionen hält. Um Künstler:innen, die eigene Wege gehen, Materialien anders verwenden, Regeln verschieben oder überhaupt erst einmal fragen, ob diese Regeln für sie gelten müssen. So treffen sich an diesem Ort zwei Formen des Andersdenkens: Das Haus ist deshalb nicht bloss der Ort, an dem unsere Ausstellungen stattfinden. Es ist selbst Teil unserer Geschichte. Und wenn man genau hinschaut, erzählt es vielleicht noch immer davon, dass Räume – genauso wie Kunst – mehr sein können, als man zunächst von ihnen erwartet. Zum Abschluss: Ein Blick in die Räume des Musée Visionnaire. Eine gekürzte Fassung des Films von Nina Zimnik aus dem Jahr 2021 über die Architektur des heutigen Musée Visionnaire. Fotos: © Pascal Sigrist
Die Architektur des Musée Visionnaire

Trix und Robert Haussmann

Ein Raum, der selbst zum Teil der Ausstellung wird

die eigenwillige Architektur der Haussmanns und die eigenwillige Kunst des Musée Visionnaire.
