LISTED LIVES / Lebens-Listen
Ein Text von Dominique Bondy Seit ich mich mit dem Thema LISTED LIVES befasse, wurde mir bewusst, wie unendlich viele verschiedene Listen unser Leben durchziehen. Sie umhüllen unseren Alltag wie ein Spinnennetz – sichtbar und unsichtbar zugleich. Der Titel der Ausstellung eröffnet zugleich sein Gegenstück: Life Lists. Zwischen «List» und «Life» entsteht eine Spannung zwischen dem, was sich ordnen lässt, und dem, was sich dem Ordnen widersetzt. In meinen Gedanken unterscheide ich vier Formen von Listen. Da sind zunächst die formellen, offiziellen Listen, die zu unserem zivilisierten Zusammenleben gehören – Gesetze, Register, Wörterbücher oder Wahllisten. Sie schaffen Ordnung und Orientierung, können aber auch Ausgrenzung und Diskriminierung sichtbar machen. Daneben stehen die persönlichen, alltäglichen Listen: Einkaufslisten, To-do-Listen, Kalender oder Wunschlisten. Sie helfen uns, den Alltag zu bewältigen und werden zu Erinnerungsstützen. Es gibt aber auch eine dritte Form: die latenten oder unbewussten Listen, die unser Denken prägen. Immer dann, wenn wir Menschen oder Situationen vorschnell in Kategorien einteilen, wirken solche inneren Listen mit. Sie vereinfachen die Welt, können aber ebenso Vorurteile hervorbringen. Je nach Zusammenhang erhalten Listen ganz unterschiedliche Bedeutungen. Sie werden zu Lebensdokumenten, wenn sie Erinnerungen bewahren. Sie bilden einen Zwischenraum oder Zwischenbereich, der im Verarbeitungsprozess eine wichtige Rolle spielen kann. Manchmal werden sie zum Bindestrich zwischen Wunsch und Realität, etwa in den Wunschlisten der Kindheit oder in unseren persönlichen Notizen. In dieser Ausstellung erfahren Listen schliesslich eine vierte Form: Sie werden zum Kunstobjekt. Was sonst unscheinbar bleibt, vielleicht in einer Schublade liegt oder sogar im Papierkorb endet, erhält hier einen Platz. Die Listen werden aus ihrer Nebenrolle und ihrem provisorischen Charakter herausgelöst und in einen neuen Zusammenhang gestellt. So wird in den Werken ein unmittelbarer Lebensprozess sichtbar. Zeit, Erinnerung und Alltag erscheinen in einer veränderten Form. Ein zerknitterter Zettel, eine bearbeitete Agenda oder eine flüchtige Notiz werden zu Trägern von Erfahrungen und eröffnen neue Perspektiven auf das Verhältnis zwischen «Lists» und «Lives». Auch meine eigenen Arbeiten beschäftigen sich mit diesem Spannungsfeld. Für meine Collagen habe ich Seiten aus Agenden herausgerissen, zerschnitten und neu zusammengesetzt. Chronologische Zeit wird aufgehoben und Erinnerungen erhalten eine neue Ordnung. In meinen Zeichnungen mit ihren sich wiederholenden Fenstern begegnen sich Wiederholung und Veränderung – denn kein Tag gleicht dem anderen. Vielleicht lädt Listed Lives dazu ein, Listen nicht nur als Ordnungssysteme zu betrachten, sondern als Spuren gelebten Lebens – voller Leerstellen, Andeutungen und Möglichkeiten. Dies ist ein leicht veränderter und gekürzter Text, die lange ungekürzte Version, hängt in der Ausstellung LISTED LIVES im Musée Visionnaire bis am 20.12.26. Für alle, die gerade in den Ferien sind oder es momentan nicht ins Musée schaffen: Es gibt nochmals etwas Schönes zum Nachhören. SRF Kultur hat einen wunderbaren Beitrag über LISTED LIVES, Listen und das Musée Visionnaire ausgestrahlt. Ein herzliches Dankeschön an Gisela Feuz für diese einfühlsame Sendung. srf.ch – ich liste, also bin ich Und für alle Daheimgebliebenen gilt: Wir haben den ganzen Sommer über zu den regulären Öffnungszeiten geöffnet. Wer der Hitze entfliehen möchte, ist bei uns genau richtig – im Musée ist es angenehm kühl und die Ausstellung lädt zum Verweilen, Entdecken und Listenlesen ein. Wir freuen uns auf euren Besuch! Herzlich Euer Team des Musée Visionnaire
